Michael Heichler, Signatur

Drei Uhr nachts

Ich wünsche mir Nächte, die nur Nächte sind, ohne Wecker, ohne Teststreifen, ohne Rechnerei im Halbschlaf. Ungefähr so sieht diese Nacht aus. Um drei Uhr misst ein Sensor meinen Zuckerwert. Eine App vergleicht ihn mit dem, was sie erwartet hat, und drosselt die Insulinzufuhr für eine halbe Stunde. Dann misst sie wieder. Davon bekomme ich nichts mit, denn ich schlafe.

Diese Nacht ist kein Zukunftstraum mehr. Ich lebe mit Typ-1-Diabetes, und ein solches System läuft bei mir. Es heißt Closed Loop, auf Deutsch geschlossener Regelkreis. Seit 2017 arbeite ich an AndroidAPS mit, einer offenen Software, die genau das tut. Deshalb weiß ich, was in dieser Stunde passiert. Und deshalb traue ich dem schönen Bild nicht ganz.

Was in dieser Stunde passiert

Der Regelkreis tut die ganze Nacht dasselbe. Er misst, vergleicht, handelt und misst wieder. Eine Heizung mit Thermostat arbeitet genauso, nur regelt dieser Kreis statt der Raumtemperatur meinen Körper.

„Geschlossen“ klingt nach fertig und lückenlos. Beides ist der Kreis nicht. Der Sensor kann danebenliegen, ein Abendessen wirkt länger nach als gedacht, und ein Infekt wirft alle Annahmen um. Trotzdem rechnet das System weiter, mit den Daten, die es hat. Solange ich schlafe, kann es eine begrenzte Aufgabe übernehmen. Ob seine Annahmen noch zu meiner Lage passen, kann es dagegen nicht beurteilen. Dieses Urteil bleibt bei mir, auch wenn ich es erst am Morgen fällen kann.

Vertrauen heißt anhalten können

Bleibt die Frage, wie ich einem Gerät vertraue, das handelt, während ich nichts prüfen kann. Blindes Vertrauen wäre leichtsinnig, und Dauerkontrolle wäre keine Entlastung mehr. Bewährt hat sich bei mir ein Mittelweg. Ich vertraue dem System in einem klaren Rahmen, und ich kann diesen Rahmen jederzeit verlassen.

Morgens sehe ich, was das System getan hat und warum. Wenn mich eine Anpassung wundert, finde ich die Werte, die dahinterstehen. Und wenn mir eine Lage nicht geheuer ist, schalte ich die Automatik mit wenigen Fingertipps ab, ohne dass das System daraus einen Fehler von mir macht. Der beste Beleg für Vertrauen ist ein Stopp, der leicht zu erreichen ist.

Woran man ein gutes Team erkennt

Aus dieser Erfahrung ist meine Masterarbeit entstanden. Sie trägt den Titel Augmented Work: Evaluierung von Reinforcement Learning Environments für die Analyse der Kooperation zwischen Menschen und Künstlicher Intelligenz. Hinter dem langen Titel steckt eine einfache Frage. Woran erkennt man, ob Mensch und Maschine gut zusammenarbeiten, und nicht nur, ob die Maschine ihr Ziel erreicht?

In Simulationen habe ich untersucht, wie sich diese Zusammenarbeit beobachten und vergleichen lässt. Ein Ergebnis hat sich bei mir festgesetzt. Ein System kann seine Aufgabe erfüllen und trotzdem ein schlechter Partner sein, weil niemand nachvollziehen kann, was es tut und was als Nächstes kommt. Beim Insulin zählt diese Lücke doppelt, denn das System handelt genau dann, wenn ich nicht hinschauen kann.

Eine Grenze gehört zu diesem Text. Meine Arbeit war Forschung in Simulationen, keine Medizin. Dieser Text empfiehlt keine Behandlung und keine Dosis.

Am Morgen

Der Wunsch vom Anfang ist bescheidener geworden und zugleich genauer. Ich wünsche mir keine Maschine, die alles allein regelt. Ich wünsche mir eine, die nachts ihre begrenzte Arbeit tut und mir am Morgen Rede und Antwort steht. Der Regelkreis darf weiterlaufen, während ich schlafe. Die Beziehung muss da sein, wenn ich aufwache.